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Quo vadis, Neandertal?..........von Götz-R. Lederer

"Wer einem Neanderpfad folgt, lernt das Wesen des Neanderlandes kennen. Individuell inszenierte Stationen lenken spielerisch, künstlerisch, interaktiv, sinnlich den Blick auf die kulturlandchaftlichen Besonderheiten des Kreises Mettmann. Zu Fuß und per Rad zu entdecken, bieten die Neanderpfade spannungsreiche Rundumerlebnisse."

So und ähnlich werben nicht nur die Städte Erkrath und Mettmann mit dem Neandertaler. Auch der Kreis bedient sich des bekannten Neandertalers für seine Werbung. Er ging sogar noch weiter und stellt das Neandertal in den Mittelpunkt seiner Werbung, wenn er sich als „Neanderland" vorstellt.

Natürlich war das Neandertal schon immer ein beliebtes Ausflugsziel, ob das Museum lockte oder das Tiergehege, oder man einfach einen Spaziergang in der Natur machte. In früheren Zeiten aber mit dem alten Museum war das eher beschaulich. Mit der Errichtung des neuen Museums bekam das Neandertal für den Kreis einen anderen Stellenwert. Das Neandertal rückte in den Mittelpunkt des Kreisinteresses als zentraler Werbeträger, aber auch, weil der Kreis für Defizite des Museums gerade stehen muss.

Vorzeigeobjekt mit Defizit

Zunächst ließ sich das neue Museums auch gut an: Es gab schon bald über 200000 Besucher, mancher Verantwortliche träumte schon von weiter steigenden Besucherzahlen. Doch bei aller Attraktivität des neuen Museums, die meisten Besucher kommen aus den umliegenden Kreisen. Auch die interessierten Besucher des Tals gehen nur in Ausnahmefällen mehr als zweimal hin. Die Besucherzahlen nehmen im Laufe der Zeit ab. Für den Kreis ist das insbesondere bitter, da er in der gegenwärtigen Haushaltslage über jeden Besucher freut, der das Defizit reduziert. Die Konsequenz ist klar. Man muss das Interesse wecken.

Die ersten Angebote waren recht erfolgreiche Veranstaltungen im alten Museum. Viele tausend Besucher kamen allein zur so genannten „Steinzeitwerkstatt" im alten Museum. Der ehrenamtliche Naturschutz sah das mit Erbitterung, sollte dieses alte Gemäuer doch einmal als Ausgleich für das neue Museum abgerissen werden. Nun aber verlagerte man Aktivitäten mitten ins sensible Naturschutzgebiet.

Doch dabei blieb es nicht. Durch die Euroga 2002 flossen plötzlich Euros in den Geldtopf des Kreises und brachten ihn punktuell zum Überschwappen. Nicht nur die neue Straßenbrücke konnte finanziert werden, auch die Fundstelle wurde als Attraktion gestaltet. Für noch mehr Kultur wurde auch ein Skulpturenpfad geplant. Nicht auf unschädlichem Museumsgelände, sondern mitten im Naturschutzgebiet! Man wollte die Schönheit des Flusstals für die Werbung nutzen. Hier stellte sich der Landschaftsbeirat quer, er sprach sich im Gegensatz zum zuständigen ULAN-Ausschuss des Kreistages gegen die Nutzung des Naturschutzgebietes als Kunstpfad aus. Die Entscheidung wurde eine Stufe höher zum Regierungspräsidenten gereicht. Dieser ließ den Skulpturenpfad zu, forderte aber vom Kreis im Gegenzug konkrete Maßnahmen zur Besucherlenkung, wie es auch der ehrenamtliche Naturschutz schon immer gefordert hatte.

Runder Tisch

Um dies umzusetzen, wurde im Auftrag der biologischen Station ein Konzept zur ökologischen Aufwertung des Neandertals und der Besucherlenkung erstellt. Um dieses Konzept zu begleiten, wurde ein runder Tisch eingesetzt. Am runden Tisch saßen Vertreter des Museums, des Wildgeheges, des Kreis Mettmann und der Bezirksregierung. Dazu kamen Förster und Naturschützer. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Biologischen Station.

Die Vertreter des ehrenamtlichen Naturschutzes waren mit großen Zweifeln in die Gespräche gegangen. Immerhin haben das Museum und der Kreis Mettmann völlig konträre Vorstellungen von der Nutzung des Neandertals, und die moderierende biologische Station ist vom Kreis abhängig. Und tatsächlich gab es oft unverträgliche Meinungen. Schlimmer noch, der Kreis machte deutlich, dass die Maßnahmen in der heutigen Haushaltslage nichts kosten dürften. Hier ist Herrn Hansmann von der Bezirksregierung zu danken, der ganz klar zum Ausdruck brachte, dass die Bezirksregierung den runden Tisch nicht als Alibiveranstaltung akzeptieren würde und auch Gelder vorhanden seien.

Einfach waren die Gespräche am runden Tisch nicht. Mit vielen unserer Vorschläge konnten wir uns nicht durchsetzen. Manches wurde abgelehnt, anderes verwässert. Schwierigkeiten gab es vor allem, wenn wir forderten, Wege unbegehbar zu machen, Parkplätze aus dem Gebiet zu verlagern, oder neue Gebiete ins Naturschutzgebiet einzugliedern, so zum Beispiel das Wildgehege nach Süden hin zu vergrößern.

Anhand eines Konzeptes, das von der biologischen Station eingebracht wurde, entstand schließlich ein Maßnahmenkatalog, von dem Teile bereits umgesetzt wurden. Daneben besteht Hoffnung, dass in absehbarer Zeit Naturschutzranger eingesetzt werden, die die Besucher informieren und eventuelle Uneinsichtige zu disziplinieren.

ULAN-Ausschuss

Es gibt aber auch Rückschläge: so beschloss der Umweltausschuss des Kreises (ULAN) auf der Sitzung am 20. November 2003 auf Vorschlag der CDU einstimmig, alle Maßnahmen vorrangig an der Naherholung zu orientieren. Damit wurde die Aufhebung eines parallel verlaufenden Weges verhindert. Dies widerspricht nach unserer Auffassung dem Landschaftsgesetz. Leider sah der Landrat darin kein Problem, stellt auf unsere Beschwerde hin sogar fest, dass er inhaltlich mit dem Beschluss des Ausschusses übereinstimmt. Wahrscheinlich ist das alles schon als die Vorwehen des kommenden Wahlkampfes zu verstehen. Unsere Politiker schützen die „Events" der Menschen vor der Natur, auch wenn die Natur dabei drauf geht!

Die Interessen Naherholung und Naturschutz prallen im Neandertal aufeinander wie kaum an einer anderen Stelle im Kreis Mettmann. In Naturschutzgebieten hat die Natur Vorrang. Doch was nutzt dies, wenn das Naturschutzgebiet durch die große Zahl der Erholungssuchenden so stark in Mitleidenschaft gezogen wird wie im Neandertal? Kann eine Besucherlenkung überhaupt greifen angesichts von Tausenden Erholungssuchenden?

Erschwerend kommt dazu, dass das Gebiet mit 270 ha zwar groß, aber sehr lang ist. Das Gebiet ist meist nur wenige hundert Meter breit. Trotz dieser ungünstigen Lage scheint mir eine Lösung im Interesse von Naturschutz und Naherholung möglich. Man kann wohl bei den meisten Besuchern von einem vitalen Interesse am Erhalt der Natur ausgehen. Immerhin kommen fast 75 Prozent aller Besucher vorrangigwegen des Naturerlebens oder zum Spazieren gehen. Dabei spielt es für die Natur nur eine untergeordnete Rolle, ob 200 oder 250 Spaziergänger einen Weg benutzen; viel schlimmer ist es, wenn Einzelne vom Weg abweichen oder gar irgendwo mitten im Gebiet Feste feiern.

Die Mehrzahl der Besucher, die sich falsch verhalten, macht dies aus Unkenntnis. So ist vielen Besuchern nicht klar, dass sie allein durch ihre Anwesenheit einen breiten Streifen der Beunruhigung durch das Naturschutzgebiet ziehen. So haben die für das Neandertal typischen Eisvögel oder Wasseramseln nur eine Fluchtdistanz von etwa 50 m, ein Wanderfalke oder Rotmilan dagegen über 100 m. Jeder Spaziergänger zieht also einen Streifen von 200 m durchs Tal, den die beiden Vögel meiden. Ein einziger Weg längs des gesamten Neandertals beunruhigt somit etwa 160 Hektar und damit 60 Prozent des gesamten Gebietes. Gibt es gar einen parallel verlaufenden Trampelpfad, dann kann das schmale Naturschutzgebiet in seiner ganzen Breite beunruhigt sein. Daher kommt das Bestreben der Naturschützer, wenigstens parallel verlaufende Zweitwege zu sperren.

Ein anderes lösbares Problem sind die Hunde, die von den meisten Hundebesitzern frei laufen gelassen werden. Ihnen ist aber wahrscheinlich gar nicht klar, dass frei laufende Hunde für das Wild einen Stressfaktor darstellen und seltene Säugetiere wie etwa der Fischotter ganz vertrieben werden. Hier tut vor allem Information not. Gegen Unbelehrbare muss es allerdings auch die Möglichkeit geben, mit Bußgeldern einzuschreiten. Aus der Situation im Neandertal ergaben sich die Forderungen des Naturschutzes:

1) Besucher müssen auf den Wegen bleiben.
2) Hunde müssen angeleint werden,
3) Wildes Campen und Lagern muss verhindert werden.
4) Um dies durchzusetzen und Besucher zu informieren sollen so genannte Naturschutzranger eingerichtet werden.
5) Jeder unnötige Weg im Tal sollte zugemacht werden, mindestens parallel verlaufende Trampelpfade müssen unpassierbar gemacht werden.
6) Es müssen gezielte Artenschutzmaßnahmen in einigen Bereichen durchgeführt werden.
7) Das Naturschutzgebiet muss erweitert werden