natur&umwelt

Kraniche über Haan..........von Armin Dahl

Aus dem Spörkelnbruch-Tagebuch von Armin Dahl

Absoluter Höhepunkte im Haaner Vogelguckerjahr sind Herbst- und Frühjahrszug der grauen Schreihälse vom Brutgebiet ins Winterquartier und ihre Rückkehr von dort.

6.11.2003, 13.30 Uhr strahlend sonnig, leichter Ostwind, warm... Schon seit ein paar Wochen warten wir ungeduldig auf einen solchen strahlenden Herbsttag, suchen ab und zu den Horizont ab, Fenster und Türen bleiben häufiger offen, damit wir sie auf keinen Fall verpassen.

Am Abend vorher hat Wetterfrosch Jörg Kachelmann im Fernsehen den Kälteeinbruch in Ostdeutschland gemeldet, und eigentlich waren sie schon überfällig. Aber der Vormittag geht vorbei, alles ist ruhig. Um die Mittagszeit wird es noch einmal richtig warm, wir sitzen mit der Kaffeetasse im Garten, und dann ...

Schon von weitem hören wir sie schreien, und da kommen sie, die Hälse weit vorgestreckt, eine Kette, noch eine, schnell das Fernglas geholt und wieder hinaus. Da im Norden ein großer Trupp über Erkrath, hier ziehen noch ein paar Dutzend über den Sandberg Richtung Hilden.

Die Kraniche sind da!

Schnell eine grobe Schätzung: Wie viele sind das da oben? 500? Oder mehr? Durchs Fernglas lassen sie sich ganz gut zählen, der Blick gleitet an den Ketten entlang, 10... 50... 100... 200... 700... absolut toll! Zum Glück haben wir hier freie Sicht in Richtung Osten, so überblicken wir den gesamten Luftraum zwischen Erkrath und Hilden, überall ziehen kleine und große Trupps, schallen die kehligen Rufe.

Über Hilden lösen sich die Formationen auf, wie ein Mückenschwarm kreisen sie jetzt in die Höhe – Sven Kübler behauptet, das kommt von der Mobilfunkstrahlung. Aber eigentlich sieht es mehr so aus, als ob sie in der aufsteigenden Thermik über den Hildener Dächern ein paar hundert Höhenmeter gewinnen wollten, um Kräfte zu sparen. Bei einem solchen Wetter haben die da oben sowieso kein Problem mit der Orientierung, können sicher bis weit in die Eifel sehen.

Vorne löst sich schon wieder eine Kette ab, in wenigen Minuten sind alle nach Südwesten verschwunden.

Was fliegt denn da?

Mittlerweile hänge ich faul im Gartenstuhl, lasse mir die Spätherbst-Sonne aufs Genick scheinen, suche mit dem Fernglas den Himmel ab. Bei "Kranich-Wetter" ist alles mögliche unterwegs, so auch heute. In großer Höhe ziehen – normalerweise unbemerkt – Saatkrähen nach Westen, hier und da eine einzelne Rotdrossel, Bergfinken verraten sich durch ihre rätschenden Rufe, eine Amsel belästigt einen Mäusebussard - halt!!! Eine komische Amsel, die Größenverhältnisse können einen täuschen, das ist ja eine Krähe, und noch ewig weit weg! Aber dann kann das andere unmöglich ein Bussard sein! Ich glaube es fast nicht! Minuten später zieht - auf dem Kaffeetisch liegen drei aufgeklappte Vogel-Bestimmungsbücher - ein junger, unausgefärbter Seeadler gemächlich über das Haus, ein riesiger Lappen, leicht zu erkennen am zugespitzten Schwanzende, und eben an der Größe. Der kommt wahrscheinlich von der Ostsee oder aus Brandenburg, die nächsten Brutplätze liegen auf jeden Fall mehrere hundert Kilometer weit weg. So etwas gibt's hier nicht alle Tage, und das mitten im Binnenland. Na ja, im Prinzip ist sein Tisch auch bei uns reich gedeckt: Von da oben kann der Riesenvogel leicht die ganzen Talsperren im Bergischen Land sehen, und genauso die 40 Baggerseen zwischen Duisburg und Leverkusen, mit all den leckeren Blässhühnern und fetten Stockenten.

Und dann kommen wieder Kraniche, Kraniche, Kraniche, eine Kette nach der anderen. So geht das bis 15.30 Uhr, insgesamt habe ich etwa 2000 Vögel gezählt, der Kaffee in der Tasse ist allemal eiskalt, für heute muss Schluss sein. Aber schon jetzt freuen wir uns auf einen schönen Tag so um Ende Februar herum, mit Sonne und Schönwetterwolken. Dann wird der Südwestwind mit den offenstehenden Fenstern klappern, weil wir sehnsüchtig auf die Rückkehr der grauen Schreihälse warten...

Kranich-Infos

Der Graukranich (wiss. Name Grus grus) ist mit einer Größe von etwa 1,20 Meter und einer Flügelspanne von 2,20 Meter deutlich größer als Graureiher, Weißstorch oder Wildgänse, mit denen er häufig verwechselt wird. Durch ihren trompetenartigen Ruf machen fliegende Kraniche auf sich aufmerksam. Meist fliegen die Trupps in Keilformation, der Vogel an der Spitze leistet dabei die größte Arbeit und wird daher von Zeit zur Zeit abgelöst. Im Flug sind Kraniche am langen, gerade vorgestreckten Hals zu erkennen. Die Beine sind so lang, dass sie den Schwanz beim Fliegen weit überragen. Ab Mitte August finden sich die Brutpaare gemeinsam mit ihren flüggen Jungen an traditionellen Sammelplätzen ein, so treffen sich Tausende in Nordeuropa brütende Kraniche zuerst am Hornborgasjön in Südschweden, danach an der Ostseeküste rund um Rügen und im Oderbruch.

Wenn die Kraniche ziehen, reisen "birdwatcher" aus ganz Europa nach Vorpommern. Auch für abgebrühte Ornithologen ist der abendliche Einflug von 40 000 Vögeln zu den Rastplätzen im knietiefen Boddenwasser ein absoluter Höhepunkt. Einige Berühmtheit unter Vogelguckern und auch unter "normalen Touristen" hat besonders das ehe malige Raketen-Testgelände auf der Halbinsel Zingst erreicht, heute Teil des Nationalparks "Vorpommersche Boddenlandschaft". Hier gibt es regelmäßig geführte Touren mit Kleinbus oder Kutsche und Wanderungen zu Kranichbeobachtungsplätzen.

Die Kraniche, von denen jeder täglich ein halbes Pfund Körner vertilgt, werden in der Region auf speziell ausgewiesenen Ablenkungsflächen gefüttert, um den wirtschaftlichen Schaden am frisch eingesäten Wintergetreide zu begrenzen. Im Kranich-Informationszentrum Groß Mohrdorf zwischen Barth und Stralsund kann man auch erfragen, wo die Kraniche gerade anzutreffen sind.

Nonstop Richtung Südwesten

Mehr als zwei Drittel des europäischen Bestandes zieht im Oktober-November nach Südwesten. Bei günstiger Witterung brechen die Kranichschwärme in den frühen Morgenstunden von den Sammelplätzen an der Ostsee und dem Havelländischen Luch westlich von Berlin auf. Sie ziehen beiderseits am Harz vorbei, der Hauptzug lässt sich in Osnabrück, Hannover und Göttingen beobachten. Weiter geht es über Weserbergland, Thüringen und Oberhessen. Ein wichtiges Rast- und Trittsteinbiotop in Nordrhein- Westfalen liegt in den Moor- und Heidegebieten der Senne im Raum Bielefeld/ Paderborn, in der Nähe des Teutoburger Waldes. Allerdings lassen sich die Kraniche dort nur schwer beobachten, die besten Plätze liegen inmitten des riesigen Truppenübungsplatzes.

Bei "typischem Kranichwetter" überqueren die ersten größeren Ketten am frühen Nachmittag unsere Region. Rechnet man bei einer Fluggeschwindigkeit von 80 Kilometern pro Stunde noch ein wenig Rückenwind hinzu, wird erkennbar, dass die großen Schreihälse auf dem Herbstzug nonstop und ohne Umwege fliegen: Legt man auf der Landkarte ein Lineal zwischen Rügen und dem ersten "echten" Überwinterungsquartier an der oberen Marne in Frankreich, liegt Haan ziemlich genau auf der Linie. Die Ostsee ist von hier etwa 550 Kilometer Luftlinie entfernt, das entspricht knapp sieben Flugstunden.

In den Nachmittags- und Abendstunden erreichen die Kraniche das Ahrtal und Koblenz, von wo aus sie dem Lauf der Mosel flussaufwärts folgen. Weitere Schwerpunkte des Durchzuges liegen in Ober- und Mittelhessen, ein Teil der Tiere sucht Rastplätze im Amöneburger Becken sowie an Ohm und Lahn auf. Von dort geht die Reise weiter über den Taunus, Main und Rhein. In der Pfalz liegen bevorzugte Zugstrecken im Nahetal, dem Raum Worms-Kaiserslautern und der Region Speyer-Neustadt-Bad Bergzabern.

Überwinterung in Westeuropa

Das erste größere Überwinterungsquartier der Kraniche liegt in Ost-Frankreich, in der Champagne, etwa 200 Kilometer östlich von Paris. Am Lac du Der-Chantecoq, einem riesigen, 4800 Hektar umfassenden Stausee bei St-Dizier , werden bis zu 30.000 Tiere gezählt. Weiter geht der Zug quer durch Frankreich, etwa nach Landes de Gascogne südlich von Bordeaux (http://www.parc-landes-de-gascogne.fr).

In Spanien (rund 70 000 Tiere) liegen die bekanntesten Plätze an der Laguna de Gallocanta bei Zaragoza und in den ausgedehnten, parkartig lichten Korkeichenwäldern der Extremadura - den Dehesas. Hier finden die Kraniche reichlich Nahrung in Form von Eicheln, dazu sichere Schlafplätze an zahlreichen Flach- und Stauseen. Wenige tausend Vögel überwintern noch weiter südlich in Portugal und Nordwestafrika.

Zugrichtung Südost

Rund 30 000 Tiere aus der Brutregion östlich der Ostsee folgen im Herbst dem baltisch-ungarischen Zugweg. Ein großer Sammelplatz ist dort die Matsalu-Bucht , sie liegt im Südwestzipfel des Finnischen Meerbusens, etwa 150 Kilometer südwestlich von Tallin in Estland. Von dort geht es nach Südosten zur ungarischen Puszta, über den Bosporus in die Türkei, nach Syrien, und weiter in die Hula-Sümpfe in Nordisrael. Ein anderer Teil der Kranichpopulation zieht nach Süden über die Adria, Süditalien und Sizilien nach Tunesien.

Rückkehr im März

Ab Mitte Februar, besonders Anfang März lohnt sich ein Blick auf die Wetterkarte und das Barometer. Starker Westwind und ansteigender Luftdruck ergeben im typischen Fall einen oder zwei blendend helle Tage mit Schönwetterwölkchen. Dann kehren die Kraniche aus Südwesteuropa zurück - und dann gibt es auch wieder Kraniche über Haan.